02 Mai 2016 1579
Paul Bernhardt {Photographer & Writer} www.paulbernhardtphoto.com
#natur

Teil I

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Kultur und Umwelt

Am nächsten Tag schien das Wetter besser, war allerdings zu wechselhaft für das Hotel, um alle Aktivitäten an meinem zweiten Tag anzubieten. Aus diesem Grund begab ich mich anstatt auf eine Kanufahrt und eine Wanderung erneut auf eine Allradtour.

Dieses Mal war Mateus unser Fahrer, dessen Strecke genügend von Vítors Weg abwich, um uns eine andere Perspektive auf das Innere der Algarve zu bieten.

Der wesentliche Unterschied war eigentlich das trockene Wetter.

Nach nur 30 Minuten Fahrt konnte man bereits einige Vertreter der herrlichen Fauna beobachten, einschließlich einiger Rebhühner und eines beeindruckenden Wiedehopfs mit einer prächtigen Federkrone.

Später hielt Mateus neben ein paar Erdmulden im rostbraunen Sandstein an. „Das sind die Nester von Bienenfressern", erklärte er uns. „Diese Vögel tauchen hier normalerweise auf, wenn der Lavendel zu blühen beginnt."

Ich erinnerte mich daran, was Vítor über den Honig der Algarve und die große Blütenpracht zu dieser Jahreszeit gesagt hatte.

„Die Bienenstöcke können hier eine Größe von bis zu 80.000 Tieren erreichen", ergänzte Mateus, als ob er meine Gedanken gelesen hätte. „Die Vögel genießen dieses Bankett, aber es bleiben noch genügend Bienen für den Nachtisch übrig", spaßte er.

Die Sonne brach immer wieder durch und die begann die Felder aufzuheizen.

Wir bewegten uns abseits der unbefestigten Feldwege und fuhren über Wiesen voller frischem Thymian und blühendem Fenchel. Aufgrund der starken Sonne bat ich um eine kleine Pause bei einem bunten Stück Land voller blühender Blumen und Büsche.

Blaue Hyazinthen, Winternarzissen und rosa Sauerklee schienen in einem Meer aus gelbem Sauerklee und zarten Ringelblumen zu schwimmen. Einige Mohnblumen wiegten sanft im Wind, während Zistrosensträucher den Weg säumten. Die Szene war eines Gemäldes würdig und der Duft einfach berauschend!

„Möchte jemand ein Spiegelei?", rief Mateus, der auf einer kleinen Mauer aus gebrochenem Granitstein balancierte.

Neugierig gingen wir zu ihm.

Zu Füßen unseres Fahrers befand sich ein Haufen mit Seetang. Darauf standen Blumen mit grauweißen Blütenblättern, die sich um eine zitronengelbe Scheibe reihten, was wirklich aussah wie ein Spiegelei in einer Pfanne. Plötzlich flog ein Pärchen Blauelstern über unsere Köpfe hinweg, deren Ruf wie Lachen klang, als ob die beiden miteinander spielen würden.

Als Aperitif vor dem Mittagessen fuhr uns Mateus nach Montes de Cima, einem kleinen Dorf mitten in der Vorgebirgslandschaft der Algarve.

Bei unserer Ankunft an einem kleinen, weißgestrichenen Haus, stieg uns das stechende Aroma des Rauchs aus dem runden, für die Algarve typischen Kamin in die Nase. Während wir parkten, fing der Hund des Besitzers an zu bellen und zeigt uns so sein Missfallen darüber, dass wir ihn aus seiner Siesta gerissen hatten.

Wir waren am Landhaus von Rosa angekommen.

Rosa, eine Achtzigjährige mit wenig Worten aber großem Herz, hielt eine Flasche Medronho bereit, einem herrlichen sanften Schnaps, vergleichbar mit einem Brandy, der aus den Früchten des Erdbeerbaums gebrannt und mit Honig versüßt wird.

Mateus servierte jedem von uns ein Glas. Gegen den Alkohol wurden köstliche Trockenfeigen gereicht. Danach wurden wird eingeladen, ein paar Mandeln zu probieren, deren Schale wir mit einem alten Hammer knackten. Nach einem kurzen Besuch in Rosas Garten, in dem ein herrlich duftender Zitronenbaum stand, verabschiedeten wir uns fröhlich und brachen in Richtung des Nachbardorfs Tôr auf.

Wir aßen im O Monte zu Mittag, eines der bekanntesten Restaurants in Tôr, wo uns gebratenes Schweinefleisch mit Pommes frites und Salat serviert wurde. Dazu gab es den guten Rotwein des Hauses. Als Nachtisch wurde ein Teller mit einer aufgeschnittenen Orange gereicht; der wahrscheinlich süßesten und saftigsten Orange, dich ich je gegessen habe.

Wieder auf der Straße fuhren wir an der Rocha da Penina vorbei, einer beeindruckenden Kalksteinfelswand, wo der vom Aussterben bedrohte Habichtsadler und der seltene Uhu nisten. Aber jetzt versteckte sich die Sonne erneut hinter einer dichten, niedrig hängenden Wolke.

Als sich der Land Rover dem Ende einer langen und schwierigen Straße näherte, bremste Mateus plötzlich abrupt.

„Ein nackter Mann", rief er plötzlich.

Wir schauten uns alle etwas verwirrt an.

Unser Fahrer war bereits aus dem Jeep gesprungen, hatte sich gebückt und etwas vom Boden gerissen. „Ich möchte euch einmal zeigen, wie ein nackter Mann aussieht." Die Frauen in unserer Gruppe begannen zu kichern.

Er öffnete die Beifahrertür und lehnte sich ins Auto.

In seiner Hand war eine kleine Blume mit filigranen. lilafarbenen Blütenblättern zu sehen.

„Das ist die Blüte des italienischen Knabenkrauts (auf Englisch naked man orchid - die „nackter Mann" Orchidee), eine der schönsten und am weitesten verbreiteten Orchideen der Algarve."

Und wieder hatte uns der Humor unseres Reiseführers kalt erwischt. An der Algarve gibt es circa 30 verschiedene Arten von Wildorchideen. Zu den bekanntesten gehört die faszinierende Gattung der Bienenragwurz, die den neugierigen Betrachter durch ihre Ähnlichkeit mit einer Biene verblüfft. Genauso faszinierend ist die Wespenragwurz, deren Blütenblätter einer Blüte von van Gogh gleichen.

Wie Vítor war auch Mateus ein erfahrener und freundlicher Reiseführer und nach einer Entdeckungstour durch das schöne Städtchen Alte - dem letzten Halt auf unserer Tour - lehnten wir uns auf der Rückfahrt an der Küste entlang entspannt in unsere Sitze zurück.

Am Abend studierte ich im Hotel das Programm der Algarve Nature Week. Es hat Sinn, im April, mitten im Frühling, diese Aktivitäten anzubieten. Das Timing hilft dabei, die saisonbedingten Probleme der Region zu überwinden und Touristen anzulocken, die ansonsten mit ihre Reise an die Algarve auf den Sommer warten würden.

Außerdem rückt die Nature Week die weniger bekannten Seiten der Algarve, einer unbeschreiblich schönen Region, die sich durch ihre ruhige Lebensweise und sanften Gewohnheiten auszeichnet, und die all ihre Besucher stets mit unverfälschter Gastfreundschaft willkommen heißt, noch besser in den Vordergrund.

Es handelt sich hierbei auch um eine Frage des kulturellen und ökologischen Bewusstseins und zwar in jeder Hinsicht.

Ich habe hier, an der Algarve, mit einem Rotwein der Quinta da Barranco Longo angestoßen. Moment, Wein von der Algarve?

Tja, das ist eine andere Geschichte.

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