17 Jul 2018 1961
Sandra Nobre {storyteller} www.shortstories.pt

Ein Tag im PortoBay Liberdade

Sollte man ein Hotel nur als einen Ort zum Ankommen und zum Abreisen betrachten, eine Art Basislager für all die Orte, die man an einem Reiseziel besuchen will; oder sollte man sich in ihm so einrichten, als ob es unser Zuhause wäre und alles genießen, was es zu bieten hat, zusätzlich zu den kulturellen Angeboten und Neuheiten der Stadt? Manchmal kann das Hotel wie eine Insel sein, die man nicht verlassen möchte. So ging es mir im PortoBay Liberdade . ..

13:15 Uhr . Business-Lunch

Männer in Anzügen, die an den Tischen des Bistrô4 beim Essen und Trinken über Politik reden, Geschäftsstrategien und Pläne entwerfen und Verträge abschließen, und natürlich auch Geschäftsfrauen, die allerdings Geschäft und Genuss miteinander verbinden und nicht auf das Dessert und/oder die Schokolade zum Espresso verzichten, um sich den Tag zu versüßen. Dann gibt es wieder die Gäste, die unabhängig vom Wochentag im Casual-Look ihr Sightseeing-Programm, inklusive der Hot Spots fürs Shopping planen, während Sie nebenher noch ein Paar Likes für ihre Fotos in den sozialen Netzwerken verteilen und der Welt zeigen, was sie essen, wo sie sind und wer gerade bei ihnen ist. So betrachtet bilden die Gäste, die allein reisen, eine durch das WLAN vom Aussterben bedrohte Art. Man ist nie allein.

14:00 Uhr . Ein Streifzug durch das Viertel und die Straßen

Man muss nur über die Straße gehen, um das an der Ecke gegenüberliegende Casa-Museu Medeiros Ferreira zu besuchen, in dem sich eine einmalige Kunstsammlung mit über 2 000 Exponaten befindet, von Möbeln bis zu Keramiken und von Uhren bis zu Gemälden. Zwei Straßen weiter liegt die in den 50er-Jahren gegründete Cinemateca Portuguesa – Museu do Cinema, die sich dem Erhalt und dem Wissen über das kinematografische Erbe Portugals widmet. Die verschiedenen Ausstellungen entführen uns in die Welt des Schattenspiels und der Laterna magica, zeigen die Entwicklung des Kinos und gewähren uns anhand von Momentaufnahmen einen Blick hinter die Kulissen. Das Veranstaltungsprogramm bietet Podiumsdiskussionen mit Regisseuren, Retrospektiven zu bestimmten Werken sowie sehenswerte Klassiker. Danach schlendere ich die Avenida da Liberdade, die ursprünglich einmal eine Flaniermeile war, entlang, betrachte die Schaufenster und habe das Gefühl auf einer internationalen Modenschau zu sein – Louis Vuitton, Gucci, Zadig & Voltaire, Miu Miu, Prada, Emporio Armani, Carolina Herrera, Hugo Boss, Ermenegildo Zegna und Stivali oder Fashion Clinic, mit ihrem großen Markenangebot. Beim Praça dos Restauradores fahre ich mit der Standseilbahn Ascensor da Gloria zum Aussichtspunkt São Pedro de Alcântara, um die Aussicht über Lissabon und die Viertel Mouraria, Alfama, Graça, und Castelo zu genießen. Ups! ... Und schon ist es fast wieder 17:00 Uhr und somit, wie Katharina von Braganza meinte, Zeit für den „five o'clock tea", den man am besten mit den Scones im Hotel genießt.


18:00 Uhr . Eine Pause zum Durchatmen: der SPA

Oft vergisst man, dass auch ein Lächeln therapeutische Wirkung haben kann. Hier im SPA fühlt man sich schon beim Eintreten wohl. Und los geht es mit dem Ritual. Die Behandlungsräume tragen die Namen exotischer Pflanzen –Ylang Ylang, Frangipani und Rosewood, sprich Palisander. Das Licht ist gedämpft und beruhigend. 55 Minuten lang gebe ich mich einer Desktop-Recovery-Therapie hin, die ideale Behandlung für alle, die aufgrund stundenlanger Arbeit am Computer an Verspannungen und Kontrakturen leiden. Neben einer Massage gegen Muskelschmerzen helfen Dehnübungen dabei, wieder gelenkig zu werden und die Haltung zu verbessern. Eine Ayurveda-Massage für Gesicht und Kopfhaut befreit uns mit ihren Aromen von Ingwer, Lavendel, Rosmarin und schwarzem Pfeffer von allen Gedanken und erst der Klang der tibetanischen Zimbeln bringt uns in die Wirklichkeit zurück. Jetzt ist es Zeit für einen Mint-Zitronen-Tee im Entspannungsbereich, um diese Erfahrung zu verlängern. Am liebsten würde man hier den ganzen Aufenthalt verbringen. Und wenn es ein Zimmer im SPA-Bereich gäbe? Stellen Sie sich einmal vor, wie das wohl wäre. Eine Insel innerhalb einer Insel, auf der Sie der einzige Bewohner sind ... Ohne Eile wechsle ich zwischen der Sauna und dem türkischen Bad hin und her, bevor ich in den Pool im Hotel springe. Egal, ob Sommer oder Winter oder ein windiger Tag, hier ist die Temperatur immer perfekt. 

19:45 Uhr . Der Flug zwischen dem Rooftop und dem Aviator6

„Die Höhenzüge, tief unter dem Flugzeug, gruben schon ihre Schattenfurchen ins Gold des Abends. Aber die Ebenen glommen noch in hartnäckigem Licht: sie können sich dortzulande nie entschließen, ihr Gold herzugeben (...)" (Nachtflug, Antione de Saint-Exupéry). Das Licht spiegelt sich in den Fensterflächen der umliegenden Gebäude. Der siebte Stock bietet einen herrlichen Blick auf die Stadt, die sich zwischen dem Grün der Bäume und den Dächern erahnen lässt. Es gibt Sonnenliegen, um diesen kontemplativen Moment zu genießen, oder einen Jacuzzi, um etwas ganz anderes auszuprobieren. Und an der Bar kann man trotz des etwas störenden Winds einen Cocktail zu Chill-out-Musik genießen. „Schon steigt ein Orgelklang empor: das Flugzeug." (Nachtflug, Antione de Saint-Exupéry). Und danach die Landung auf der Piste. Die Bar Aviator6 liefert das perfekte Motto für den Welcome-Drink, den ich mir bis zum Abendessen aufgespart habe. Ein Glas Sekt und auf Autopilot schalten.


20:30 Uhr . Paris-Lissabon-Funchal

Zwei Tische weiter sitzt ein Paar aus Frankreich. Auch wenn ich sie den Abend über kaum höre, so verrät doch ihre filmreife Eleganz ihre Herkunft. Das Paar nebenan – er, blond und gut gebaut, sie, dunkelhäutig und von exotischer Eleganz – spricht Deutsch miteinander. Vor mir zwei Engländer, sie mit einer Spange im zerzausten Haar und Einkaufstüten neben dem Tisch und er ebenso leger. Für ein paar Momente vergesse ich ganz, wo ich bin. Allein am Tisch genieße ich den Wein zu meinem Essen. Dann kommt das Dessert, der Höhepunkt einer kulinarischen Reise, die drei Städte auf meinem Teller vereint: die Brandmasse stammt aus Paris, die Creme der typischen Pastel de Natas aus Lissabon und der Honigkuchen aus Funchal. Es gibt so viele Arten zu reisen. 


22:00 . Sterne zählen auf dem Balkon

– „Wie kann man die Sterne besitzen?"

– „Wem gehören Sie?" erwiderte der Geschäftsmann mürrisch. 

– „Ich weiß es nicht. Einer Person."

– „Dann gehören sie mir, denn ich dachte als Erster daran."

– „Das reicht?"

– „Und ob! Wenn du einen Diamanten findest, der niemandem gehört, gehört er dir. Wenn du eine Insel entdeckst, die niemandem gehört, dann gehört sie dir. Wenn du eine Idee zuerst hattest und du patentierst sie, dann gehört sie dir. Und ich besitze die Sterne, denn niemand vor mir hatte jemals daran gedacht, sie zu besitzen."

– „Das ist wahr!", sagte der kleine Prinz. – „Und was stellst du damit an?"

– „Ich verwalte. Ich zähle sie und zähle sie immer wieder", sagte der Geschäftsmann. – „Das ist sehr schwierig. Aber ich bin ein sehr ernsthafter Mann!" (Der kleine Prinz, Antione de Saint-Exupéry).

Die Nacht ist bereits heraufgezogen und es ist schwierig, die Sterne zwischen den Lichtern der Stadt zu entdecken, aber die helleren erkennt man. Ich werden dieses Anblicks nie müde. Ich zähle sie zwar nicht, verwalte sie aber, als wäre ich in ihrer Nähe. Als ich ins Zimmer zurückgehe, lese ich auf dem Kopfkissen-Menü: „Fühlen Sie sich wie auf Wolken". Und genau dort bin ich, als ich meinen Kopf auf ein Kopfkissen aus Thermoschaum mit Memorykern bette, das einem nicht nur das Gefühl bietet, als würde man schweben, sondern auch noch bei Schlaflosigkeit hilft. Und in meinem Traum starte ich in Richtung des Asteroiden B612, für ein Stelldichein mit dem kleinen Prinzen.


10:10 Uhr . Spätes Frühstück

Natürlich würde es sich gut anhören, wenn ich sagen könnte, dass ich schon eine Stunde im Fitnessstudio oder eine Runde Joggen war, aber wenn es ein Wort gibt, das gut zu den ersten Stunden des Tages passt, dann ist es „Faulheit". Rechnen wir einmal die möglichen Kalorien zusammen, die man verbrennt, wenn man aus dem Bett steigt, zur Kaffeemaschine geht, dann noch vier Schritte bis man endlich den Mut hat, die Vorhänge aufzuziehen und die Sonne auf dem Balkon des Zimmers zu begrüßen, dann noch acht Schritte bis zur Dusche und noch zehn bis man sich entschieden hat, was man anziehen soll. Man muss nur rechnen können ... Es ist 10 nach 10 und anhand der Gäste im Bistrô4, der ideale Ort für Mahlzeiten im PortoBay Liberdade, kann ich erraten, dass sich die meisten schon in die Stadt aufgemacht haben. Ich genieße den Morgen im Hof des Hotels und lasse mich von der frischen Brise wachküssen, während ich einen Detox-Drink, frisches Obst, glutenfreies Brot, Rührei, Frischkäse und einen Espresso genieße. Jetzt, ja: Guten Morgen. Man kann so viel in der Stadt unternehmen, wenn man diese Insel verlassen will. Oder auch nicht.

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