08 Dez 2016 1509
Fernanda Meneguetti {Journalist}
#gastronomie #tradition #weihnachten

Es ist Weihnachten !!

28. 30. 33. Ja sogar 40 Grad. So ist der Dezember eben in Brasilien. Das heißt, so ist er schon immer gewesen, zumindest bevor die „enfants terribles" – El Niño und La Niña – so launisch geworden sind. Und mitten in dieser Hitze wird der Verkehr deutlich schlimmer. Schlimmer, weil alle ihre Autos am Straßenrand parken, um im hektischen Treiben Weihnachtsdeko, Dinge für das Weihnachtsessen und vor allem Geschenke zu kaufen. Geschenke für die Eltern, für die Kinder, für den Hund der Nachbarin, für den Portier, für die Kosmetikerin, fürs Wichteln und für all jene, die zum Ende des Jahres ein noch freundlicheres Lächeln zeigen. Plötzlich fühlt sich jeder ein wenig als Weihnachtsmann.

Und nichts, rein gar nichts, kann die Männer im Nikolauskostüm, die man in allen Einkaufszentren des Landes findet, in die Flucht schlagen. Das wäre angesichts der langen Schlangen von Kindern, die dem Weihnachtsmann ihre Wünsche mitteilen und ein Foto machen möchten, auch gar nicht vorstellbar. Heute ist dieses Foto natürlich vorzugsweise ein Selfie. Was eigentlich schade ist, denn die kleinen, in Druckbuchstaben geschriebenen Kinderbriefe mit Listen ausgefallener Spielsachen und innigen Versprechen, braver zu werden, sind heute beinahe vollkommen aus der Mode gekommen.

An allen Ecken und Enden wird gewichtelt, natürlich auch in allen Schulen. Es gibt auch keine Ballett-Klasse, die nicht gerade dabei ist, den Nussknacker einzustudieren. Die elegantesten Einkaufsstraßen und Schaufenster der Städte sind mit Lichtern, Tannenzapfen, Kerzen, Kugeln, Schleifen, Sternen, Weihnachtsbäumen, Rentieren und Engeln geschmückt. Es sind so viele Glocken und Rot- und Goldtöne zu sehen, dass man das übliche Jingle Bells auch dann hört, wenn es gar nicht erklingt und das Herz über das Gehör siegt. An den Wohnungstüren hängen Weihnachtskränze (bunt, handgemacht oder made in China, aus Zweigen, Filz und Garn), die mit unterschiedlichstem Weihnachtsschmuck behängt sind. Und es gibt keine noch so geniale exotische oder konventionelle Idee von Designern oder Deko-Magazinen, die es schaffen würden, diesen Kränzen ein Ende zu setzen!

Ganz nach der Art der Brasilianer ist die Stimmung zu Weihnachten zwangsläufig eine Mischung aus Sentimentalität, Gefühlsduselei, Konsumdenken und Großzügigkeit. Wären wir in den Vereinigten Staaten und nicht in Brasilien, dann wäre diese Stimmung das perfekte Bindeglied zwischen Thanksgiving (bei dem natürlich der saftige, gefüllte Truthahn nicht fehlen darf) und dem Weihnachtsfest (das in den USA vor allem am 25. Dezember, in Brasilien aber schon am Abend des 24. gefeiert wird).

Weihnachten birgt in Brasilien, wie alles in diesem Land, etwas Kannibalisches in sich: Man verleibt sich, ohne Regeln, externe und interne Einflüsse ein. Darum gehören zur brasilianischen Weihnacht auch europäische Filme mit Schnee und Schlittenfahrt sowie eine üppige Weihnachtstafel mit kalorienreichen Fleischgerichten (wie Eisbein und Schinken), Trockenfrüchten und Rotwein.

Gleichzeitig gibt es aber auch kein Weihnachtsessen in Brasilien ohne den traditionellen Salpicão (Salat aus Hühnerfleisch, Gemüse, Obst und Mayonnaise, der dem Embutido lusitano und dem französischen Salpicon verwandt ist), der Farofa rica aus Maniokmehl, den süßen Rabanadas (die allerdings mit dem portugiesischen Originalrezept nur noch wenig gemein haben, da man sie in Brasilien mit Kondensmilch und ohne Portwein zubereitet) oder einem Panettone (um nicht zu sagen Schokotone, da anstelle der kandierten Früchte des italienischen Rezepts in Brasilien viel Schokolade in den Teig gemischt wird). Wie Sie sehen, trägt Brasilien die ganze Welt in sich und verwandelt am Jahresende das Weihnachtsfest in einen Karneval zum Rhythmus von „Stille Nacht".


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