24 Sep 2019 576
Sandra Nobre Short Stories
#erfahrungen #gastronomie #tipps

PortoBay Flores: Wenn Neugierde töten könnte . ..

Nach zwei Jahrzehnten der Verlassenheit gewinnt die jetzt lebhaft gewordene Rua das Flores immer mehr Bewohner. Das PortoBay Flores wurde gerade neu eröffnet. Besser als ein Hotel, das neu riecht, ist ein Spaziergang durch fünfhundert Jahre Geschichte in den Korridoren. Der Ausblick kommt als Bonus hinzu.

Pause

Was mich mit Paul Theroux verbindet, ist das Reisefieber, und dazu muss ich nicht unbedingt in den alten Patagonien-Express einsteigen. „Einer von uns in diesem dahingleitenden U-Bahn-Wagen war bestimmt nicht auf dem Weg zur Arbeit. Das sah man schon an der Größe seiner Reisetasche. (...) der ideale Tag, um sich nach Südamerika aufzumachen. Für manche war dies die Bahn zum Sullivan Square, zur Milk Street, allenfalls nach Orient Heights – für mich war es der Zug nach Patagonien.” Es gibt Tage, da reicht es, in Santa Apolónia in den Zug zu steigen und nach Norden zu fahren. Und an der Reisetasche sieht man, dass ich nicht zur Arbeit fahre.
Ich liebe es, mit dem Zug in Porto anzukommen und in den Anschlusszug umzusteigen, der mich zum Bahnhof von São Bento bringt. Nicht ein einziges Mal verzichte ich darauf, kurz zu verweilen um die blauen Fliesengemälde von Jorge Rey Colaço zu betrachten. Sie wurden gemalt wie eine riesige Leinwand, mit der Farbe auf der bereits glasierten und gebrannten Fliese, eine Innovation jener Zeit. Zwanzigtausend Fliesen, mit denen der damals noch provisorische Bahnhof, der erst am 5. Oktober 1916 eingeweiht werden sollte, zwischen 1905 und 1906 ausgelegt wurde. Die epischen Szenen, wie die Eroberung Ceutas durch Heinrich den Seefahrer im XV. Jahrhundert, werden tagtäglich fotografiert und den Reisegruppen, die sich mit den städtischen Fahrgästen vermischen, in allen Sprachen beschrieben. Von dort aus muss man nur die Straße überqueren, und schon ist man in der Rua das Flores. 

14:00 Check-in

Das neue PortoBay Flores, Hausnummer 27, macht in stattlichem Gelb auf sich aufmerksam. Ich bin nicht auf Geschäftsreise, ich bin zur Erholung hier.  Das ist nicht Patagonien, das ist Porto. Um den Gedanken von Theroux weiter zu folgen: „Reisen ist ein Prozess des Verschwindens, ein einsamer Weg auf einer dünnen geographischen Linie, die ins Vergessen führt." Versuchen Sie mal, keinen Nachrichtensender im Fernsehen zu schauen, und schon kommt es auf den Ort, auf das Land nicht mehr an. Das Vergessen ist diese Pause im Leben, in der Routine, in der Arbeit, in den Geschehnissen, das Hotel zum Ziel erklären, ohne weitere Pläne anreisen, mit einem oder zwei Büchern, und sich den Gedanken und dem Augenblick hingeben, dem einsamen Weg.
Für den Check-in betrete ich ein Palais aus dem XVI. Jahrhundert, wo ehemals die Stallungen untergebracht waren, und ein von zwei Lichtbändern seitlich begrenzter Korridor leitet mich zu einem Gebäude aus dem XXI. Jahrhundert, eine Zeitreise auf einer dünnen geographischen Linie, die durch 500 Jahre Geschichte führt. Das Hotel hat die Identität der „Casa dos Maias" erhalten und um die Modernität der Stadt erweitert, die auf der Route des weltweiten Tourismus liegt. Die Maias waren die letzte Familie, die das auch als „Palácio dos Ferrazes" bekannte Herrenhaus bewohnt hatte.
Zimmer 803 im obersten Stockwerk ist eine Maisonette mit einer einladenden Terrasse über der Stadt, die den Beinahmen „Cidade Invicta" trägt, die unbesiegte Stadt. Ein Upgrade auf dieser Reise.

14:30 Pause

Eine leichte Mahlzeit in der Bar „Os Maias" in einer entspannten Atmosphäre, deren Kommen und Gehen von Menschen aller Sprachen mir gefällt. Ein schlicht gekleidetes älteres Paar nähert sich der automatischen Glastür und wagt sich zwei Schritte vor, um den Innenraum zu begutachten. „Ist schön geworden", sagt die Frau. Sie schaut sich noch eine Weile um: „Es ist ihnen gelungen, das was hier war zu erhalten. Sonst wird immer alles zerstört und neu gemacht ...". Zufrieden gehen sie wieder raus, ohne über die Lobby hinausgekommen zu sein. Das Treppenhaus aus den ursprünglichen Granitplatten, die der Architekt Samuel Torres de Carvalho erhalten hat, konnten sie noch sehen, aber wären sie ein Stockwerk hinaufgestiegen, dann hätten sie auch den ehemaligen Küchenofen und die alten Fliesen noch vorgefunden. Und das bestgehütete Geheimnis ist die barocke Kapelle aus dem XVIII. Jahrhundert im Innenhof, die dem Italiener Nicolau Nasoni zugeschrieben wird. Dieser hatte die Stadt Porto auserwählt, um hier bis zum Ende seiner Tage sein Vermächtnis zu hinterlassen, und ihm sind Arbeiten an der Kathedrale von Porto, an der „Igreja e Torre dos Clérigos", am „Palácio do Freixo" und an der „Igreja da Misericórdia" nur ein paar Schritte vom Hotel entfernt zu verdanken. 
Im Innenhof klingt der Brunnen wie tibetanische Klangschalen und entfaltet seine therapeutische Wirkung, lädt ein zum Meditieren oder Lesen, fernab von der Unruhe der Außenwelt. Die Stunden streichen unbemerkt an mir vorbei.

18:00 Den Körper und den Geist pflegen

Die Turnschuhe habe ich nur selten dabei, denn meistens komme ich nicht dazu, sie zu verwenden und mich sportlich zu betätigen. Dieses Mal versuche ich, mir bei meinem Aufenthalt etwas Ausgleich zu verschaffen, und Fitness gehört auch zum Programm. Der Raum ist gut ausgestattet und die Musik in den Ohren spornt einen an, auf dem Crosstrainer den Rhythmus zu erhöhen.  Fünfzehn Minuten. Zwanzig. 30. Es reicht! Ich tausche die Sporthose gegen den Badeanzug und das Fitnessstudio gegen das Hallenbad. Der Klang des Wassers ist Musik in den Ohren und wird mich auch dann begleiten, wenn ich die Badewanne voll laufen lasse – auch das kommt in der Praxis nur selten vor. Ich könnte sagen, so spare ich Wasser, aber tatsächlich ergibt sich nie die Gelegenheit, nie ist für dieses momentane Wohlbefinden Zeit übrig. Wie Rita Lee singt: „Wie wäre es mit uns beiden / In einem Schaumbad / El cuerpo caliente / Ein dolce far niente / Ohne Schuld..." Ich bin zwar allein, werde aber ebenso schuldlos jeden Augenblick genießen.

20:30 Die Kunst des Esstischs

Unter den einsamen Erfahrungen des Reisens gehören die Momente zu Tisch eher zu denen, auf die eine Mehrheit gerne verzichtet, oft um einer schnellen Mahlzeit, irgendeinem Fertiggericht oder einem Sandwich auf dem Zimmer den Vorzug zu geben. Aber für den, der seine Restaurants genauso sorgfältig auswählt wie seine Museen, lohnt es sich, eine Mahlzeit ohne Gesellschaft und Gespräche in Kauf zu nehmen, um jedes Gericht in vollen Zügen zu genießen. 
Die Speisekarten sind heutzutage Momente des Storytelling. Im eleganten Bistro Flores, ehemals Paradezimmer des Gebäudes, ahnt man beim Lesen meisterhaft kombinierte Geschmackskompositionen voraus. Lasst ihn kommen, den Käse aus Azeitão mit Maisbrot aus Avintes, die Tomatensuppe – die in den Händen von Andy Warhol ein schönes Gemälde hergeben würde –, den gebratenen Oktopus mit Zitrone und Thymian, das Süßkartoffelpüree mit Zitrusfrüchten, dazu ein Glas Dourowein und zum Abschluss Bananen im Blätterteig mit Karamell. Eine Auswahl, die eines Kurators würdig wäre. Ohne Eile. Ohne Unbehagen. Der reinste Genuss.

22:00 Sonstige Menüs

Zimmer 803 im obersten Stockwerk des angrenzenden Neubaus, durch den sich die Kapazität des PortoBay Flores erhöht hat, bietet einen Panoramablick über die Stadt: die Kathedrale, das Kasino, mein Blick streift über den Fluss, die Portweinkeller in Vila Nova de Gaia, den Kirchturm der „Igreja da Misericórdia". Es ist Vollmondnacht. Ich genieße die Postkarte aus der Höhe. 
Wie viele Personen braucht man für eine Pyjama-Party? Ich denke, ich und die Weinflasche auf Kosten des Hauses genügen zum Feiern. Musik oder Fernsehen? Nach einem schnellen Zapping durch das Fernsehmenü halte ich mich bei dem Film auf, der mich am meisten darüber nachdenken ließ, wo einsame Reisen anfangen und aufhören: Lost in Translation – Zwischen den Welten, von Sofia Coppola. Er macht das Partyprogramm vollständig.
Es gibt noch zwei weitere Menüs, die mir jederzeit den Appetit anregen: das Kopfkissen-Menü und das Menü des auf dem Zimmer servierten Frühstücks. Bei ersterem gibt es kein Zögern angesichts des visco-elastischen Kissens, das ein Gefühl des Schwebens vermittelt, anatomisch korrekt geformt ist, Schmerzen lindert und gegen Schlaflosigkeit hilft. Beim zweiten bin ich gespalten zwischen Continental und À La Carte – Toast, Käseomelette, Obst in Scheibchen, Pfannkuchen mit Ahornsirup, Kaffee. Ich füge der Bestellung ein „Do not disturb" hinzu und lese mich bis zur letzten Seite in den Schlaf: „Ich war in Patagonien, und ich musste lachen, wenn ich mir überlegte, dass ich von Boston hierhergekommen war, mit der U-Bahn, mit der die Leute zur Arbeit fuhren." Heute Porto, morgen die ganze Welt.

09:55 Aufwachen

Nicht um 10 Uhr, sondern um 9 Uhr 55 läutet die Glocke der Kirche. Nie zur genauen Stunde, so als ob sie auf sich aufmerksam machen oder einer möglichen Verspätung vorbeugen wollte. Das auf dem Zimmer servierte Frühstück kommt gleich im Anschluss. Ich schiebe die Vorhänge zurück und öffne das Fenster, um den Morgen hereinzulassen. Es ist ein Wochentag und ich dehne mich auf der Terrasse, während die Sonne schon hoch steht. Die Termine in der Agenda lassen nicht auf sich warten. Ich nehme den Aufzug in Morgenmantel und Sandalen. 

11:00 Abkürzung nach Asien

Das Spa Mandalay bringt Musik, Therapien, Aromen und Öle aus Südostasien in die drei Behandlungsräume des Hotels. Es folgen 55 Minuten der Suche nach dem inneren Gleichgewicht zwischen Körper und Geist. Die auf der antiken Ayurveda-Lehre basierende Abhyanga-Massage schöpft aus den Sundãri-Ritualen, um das innere Ich in Gleichklang zu bringen, vom Willkommensritual für die Füße bis zur rhythmischen Massage mit heißen Ölen zum Stimulieren der vitalen Energie. Es ist nicht dasselbe wie die Reise von Alberto Moravia im Jahr 1961, die ihn dazu inspiriert hat, Indienreise zu schreiben, aber es ist das gleiche Prinzip des Entdeckens.  
„Und was ist Indien!
(...) Auch ich weiß wirklich nicht, was Indien ist. Ich fühle es, und das ist alles. Auch du solltest es fühlen.
Was willst du sagen?
(...) Du solltest es fühlen, weit weg, im Osten, jenseits des Mittelmeers, Kleinasiens, Arabiens, Persiens, Afghanistans, weit weg, zwischen dem Arabischen Meer und dem Indischen Ozean, wo es auf dich wartet.
Auf mich wartet, um was zu tun?
Um nichts zu tun."

12:00 Die Pläne ändern

Wenn die Zeit des Check-out näher kommt, macht sich das drängende Gefühl des Aufbruchs bemerkbar. Oder auch nicht. Und was wäre, wenn man genauso spontan, wie man einen Zug nimmt, ohne zur Arbeit zu fahren, einfach beschließt, noch etwas länger am Reiseziel zu bleiben? Der halboffene Koffer wartet. Es ist an der Zeit, Porto zu entdecken: die Bücherei Lello – so viele Bücher, die uns an ferne Orte reisen lassen –, der erst kürzlich eröffnete Treetop Walk in Serralves, ein grüner Spazierweg, der sich auf Höhe der Baumwipfel über 250 Meter erstreckt, die Galerien der Rua Miguel Bombarda, in der Snackbar Gazela einen Hotdog essen ... Das Morgen kann auch warten, sagt man. Heute jedenfalls werde ich keinen Zug nehmen.
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