30 Mär 2020 462
Luís Osório / Portugiesischer Journalist und Schriftsteller
#kultur #tradition

Wir Portugiesen

Es ist schwer zu erklären, wer wir sind, ein gewagtes Unterfangen. Wie Sie wissen, haben wir die Sonne, aber dennoch erfanden wir eine der melancholischsten Musikrichtungen, den Fado. Wir sind zur Entdeckung neuer Welten aufgebrochen, schimpften aber auf die, die fortgegangen sind. Wir sind großzügig und ein wenig egoistisch. Tief in unserem Inneren sind wir ein historischer Irrtum, ein brutales Paradox, und dies ist unser größter Reichtum, unser Wunder.

An den großen portugiesischen Künstlern können Sie erkennen, was ich meine. Haben Sie schon etwas von dem Poeten Fernando Pessoa gelesen? Versuchen Sie doch einmal, seine Heteronyme zu erkunden. Ja, es ist wahr. Pessoa ist nicht ein Poet, sondern viele. Jeder mit seiner Persönlichkeit, mit seinen Schwächen, seiner Kleinlichkeit und seiner Hoffnung.

Selbst José Saramago, beachten Sie einige der Bücher, die er uns hinterlassen hat. „Die Geschichte der Belagerung von Lissabon", „Das steinerne Floß" oder das epische Werk „Das Memorial". Beispielhafte Geschichten über das Portugiesischsein, über dieses Wunder, dass wir existieren, was eigentlich gar nicht hätte sein dürfen, weil wir sind, wer wir sind, und niemand anderes. Aber wir haben standgehalten und sind hier. Eingezwängt zwischen dem Ozean und einem Spanien, das so viel größer ist als wir, zwischen Afrika und Europa, ein farbenfrohes Land mit Inseln und einer Insellage, die wie ein Schrei ist, der zugleich verletzt und besänftigt.

Haben Sie schon die Arbeiten von Joana Vasconcelos gesehen? Ihren aus Materialien des Volkes erbauten Kosmopolitismus? Das sind wir. Haben Sie schon einmal Amália Rodrigues gehört, wie sie „Gaivota", das Lied von der Möve, singt? Wie ihre fast unwirkliche Stimme uns Gelegenheit bietet, über ein vollkommenes Herz nachzudenken, das unmöglich zu verwirklichen ist? Das sind wir. Haben Sie schon die Malerei von Paula Rego gesehen? Ihre von Gewicht und Schmerz entstellten Frauen? Auch das sind wir. Wir sind viele. Und manchmal sind wir nichts.

Sie werden und mögen, das verspreche ich Ihnen. Genießen Sie Ihren Aufenthalt. Ich wünsche Ihnen eine wunderbare Reise. Die auch eine Reise in Ihr Inneres ist. Dort werden Sie uns noch besser verstehen, an dem Ort, der hinter dem Sonnenuntergang liegt.

Lieben Teilen Zeichnen